2012
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ATS pro Terra Sancta feiert ihren zehnten Geburtstag! Ein exklusives Interview, das die Geschichte ihrer Geburt und Entwicklung nacherzählt

photo by Giovanni ZennaroAm 28. Mai 2002 wurde die Gründungsurkunde für die frisch gegründete Associazione di Terra Santa (Heilig Land Verein) unterzeichnet. Zehn Jahre später präsentieren wir Ihnen ein exklusives Interview mit Carla Benelli – einer Mitarbeiterin der ATS pro Terra Sancta – die die Geburt des Verbandes miterlebte, und mit Tommaso Saltini – dem derzeitigen Direktor der ATS pro Terra Sancta – der zu ihrer Entwicklung und dem stetigen Wachstum im Laufe der zehn Jahre beigetragen hat:

Berichten Sie uns bitte von der Gründung der ATS pro Terra Sancta!

CARLA BENELLI: Es war Anfang 2001, als ich mit Pater Michele [Pater Michele Piccirillo, ein franziskanischer Archäologe] und Osama [Osama Hamdan, ein mit ATS pro Terra Sancta zusammenarbeitender Architekt] nach Jericho reiste. Wir drei hatten bereits mehrere Jahre lang zusammengearbeitet, und zur damaligen Zeit leiteten wir ein Projekt, welches das Ziel hatte, die Mosaiken des Hishamspalastes zu erhalten und gleichzeitig die palästinensische Jugend für die Mosaikrestauration auszubilden. Um diese Ziele zu erreichen, waren wir auf die Hilfe der italienischen Nichtregierungsorganisationen angewiesen. Doch es gab Probleme bei der Mittelbeschaffung. Ich erinnere mich noch daran, wie wir eines Tages auf dem Weg nach Jericho im Auto saßen und über eben diese Schwierigkeiten sprachen, als ich, eher als Witz gemeint, zu Vater Michele sagte: „Aber wieso gründet die Kustodie nicht ihre eigene Nichtregierungsorganisation (NGO)?“ Ich war der festen Überzeugung, dass die Kustodie Projekte ins Leben rufen konnte, die zweifellos dazu fähig waren, öffentliche Gelder zu erhalten. Doch für deren Umsetzung brauchte man angemessene Hilfsmittel, und eine Nichtregierungsorganisation war genau das, was sie brauchten. Pater Michele ist ein sehr enthusiastischer Mensch, voller Energie, und so ging er gleich am nächsten Tag zum Notar, um sich über die Gründungsvoraussetzungen einer Nichtregierungsorganisation zu informieren! Wir fingen an, uns zu versammeln und die notwendigen Dokumente zu organisieren, die unsere damaligen Projekte protokollierten, die wir mit der Hilfe anderer Organisationen und dem Franziskanischen Archäologischen Institut ausgeführt hatten. All jene Projekte verfolgten das Ziel, das archäologische sowie kulturelle Erbe zu erhalten, und dafür bildeten wir qualifiziertes Personal aus: Diese waren zwei Aktivitäten, die Pater Michele und uns besonders am Herzen lagen. Im Jahre 2002 wurde die Gründungsurkunde also unterzeichnet, doch ihre offizielle Anerkennung als Nichtregierungsorganisation erfolgte erst im April 2006 durch das Italienische Außenministerium.

– Inwieweit hat sich die Organisation im Laufe der Jahre fortentwickelt? Welche waren die Schlüsselmomente ihrer Entwicklung?

CARLA BENELLI: Im Laufe der ersten Jahre führten wir die Aktivitäten fort, indem wir die Mittel dafür verwendeten, die uns bereits zur Verfügung standen. Pater Michele erhielt umfassende Unterstützung durch das Studium Biblicum Franciscanum und das Franziskanische Archäologische Institut am Berg Nebo, also von zwei renommierten Institutionen, die der ATS fortlaufend technische Unterstützung boten, bis ATS pro Terra Sancta in der Lage war, die offizielle Anerkennung als NGO zu bekommen.

Das Jahr 2006, in dem die Anerkennung von ATS pro Terra Sancta durch das italienische Außenministerium erfolgte, war ein äußerst wichtiges Jahr. Wir begannen, an einem Projekt in Syrien zu arbeiten, das Restaurierungstechniken lehrte und auch die Restraurierung der fabelhaften Mosaiken von Tayybat al Imam vorsah, das nicht weit von Hama gelegen war. Dieses Projekt, welches das erste von ATS pro Terra Sancta offiziell vorgestellte war, wurde letztes Jahr bewilligt. Aufgrund der anhaltenden politischen Schwierigkeiten in Syrien konnte das Projekt allerdings noch nicht umgesetzt werden.

Ein weiterer wesentlicher Schritt für ATS pro Terra Sancta fand 2007 statt, als die Italienische Entwicklungshilfe uns das erste Notfallprojekt anvertraute, im Rahmen dessen das historische Zentrum Sabastiyas neu entwickelt werden soll. Die Italienische Entwicklungshilfe erkannte an, dass Pater Michele, Osama und ich, während wir auch für andere Institutionen arbeiteten, den Kern der neuen NGO, ATS pro Terra Sancta, darstellten, sodass wir daher direkt befugt waren, Hilfsgelder für dieses Projekt zu empfangen. Osama und ich arbeiteten also weiter als externe Mitarbeiter, während es die direkt mit der Kustodie verbundenen Pater waren, die das Verwaltungszentrum dieses Verbandes bildeten. Außerdem hat Pater Michele ATS pro Terra Sancta eigentlich als ein Instrument geplant, das aktiviert und wieder deaktiviert werden konnte, und zwar je nach aktuellem Bedarf: Es gab kein festes Personal, und niemand arbeitete hier Vollzeit.

An dieser Stelle war das Zusammentreffen mit Tommaso Saltini ein weiterer essenzieller Durchbruch: Aufgrund seiner immerwährenden Präsenz über Jahre hinweg in Jerusalem, war ATS imstande, als eine Nichtregierungsorganisation zu wachsen, indem sie ein richtiges Büro erhielt (das vorher Pater Micheles Büro war) und das Personal durch immer weitere qualifizierte Ehrenamtliche ergänzte, sodass der Umfang unserer Projekte sich immer weiter ausdehnte.

– Was können Sie uns über jenen Moment erzählen, Tommaso Saltini?

TOMMASO SALTINI: Sicherlich war das ein Meilenstein für die Entwicklung der Kustodie des Heiligen Landes, die seit 2006 eine Struktur entwickelt hatte, mithilfe derer wir den Geltungsbereich unserer Mission stärken konnten. Es gelang uns mithilfe der Pilger, Freunde, Unternehmen und Unterstützenden, in den Projekten von ATS pro Terra Sancta Folgendes zu erreichen: Wir konnten der großen Mission der Universellen Kirche, die den Franziskanermönchen vor acht Jahrhunderten anvertraut worden ist, unseren Beitrag leisten und daran teilnehmen. Somit konnten wir die Heiligen Stätten beschützen und die Christengemeinde im Heiligen Land unterstützen. Es bereitet mir immer eine Freude, zu betonen, dass all das, was wir tun, im Namen und im Interesse von der Kustodie des Heiligen Landes passiert. Unsere Leitfiguren sind diejenigen, die die Kustodie leiten: Zuallererst, der Kustos [Pierbattista Pizzaballa, Kustos des Heiligen Landes, außerdem Präsident der ATS pro Terra Sancta], dann die Quästur der Kustodie und das Sekretariat, aber auch der Abgesandte des Heiligen Landes in Italien.

Wenn Sie die Vergangenheit rekapitulieren, Carla, erinnern Sie sich an ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen lag?

CARLA BENELLI: Dazu zählt sicherlich das erste von Pater Michele, Osama und mir umgesetzte Projekt. Ich erinnere mich an die zahlreichen Sommer, die wir damit verbrachten, im Jordan und in Syrien  Ausbildungskurse für Mosaizisten aus dem Libanon, Jordan, Irak, Syrien und Palästina zu geben. Wir arbeiteten in wunderschönen Orten und lehrten so viele junge Menschen, die nun daran arbeiten, ihr eigenes historisches uns kulturelles Erbe zu erhalten. Dies war ein Beispielprojekt für uns und unsere Partner in verschiedenen Ländern, und zudem war es ein, mithilfe dessen das Team von ATS stärker und reifer werden konnte. Neben der ATS pro Terra Sancta gibt es noch eine andere NGO, die ihre Geburt auch wieder Pater Michele Piccirillo verdankt. Diese ist das Mosaikzentrum von Jericho, das ebenso in dieser Periode und als Ergebnis desselben Projekts entstanden ist. Die Geschichte dieser NGO ähnelt der von ATS pro Terra Sancta. Der einzige Unterschied ist, dass das Mosaikzentrum eine palästinensische NGO ist, während ATS ihren Sitz in Italien hat.

– Wenn Sie andererseits einen Ausblick in die Zukunft wagen, welche Tätigkeiten beabsichtigt ATS pro Terra Sancta zu verfolgen?

TOMMASO SALTINI: Die Nichtregierungsorganisation wird auch weiterhin die „Lichtfunktion“ beibehalten – und wir hoffen, dass wir das können – und zwar dank der ehrenamtlichen Mühen von einer Vielzahl an qualifizierten Experten, die sich dafür entschieden haben, ins Heilige Land zu kommen oder uns von Zuhause zu helfen, indem sie uns ihre professionellen Fähigkeiten anboten. Diejenigen, die für ATS arbeiten, helfen uns vor allem aus idealistischen Motiven, und zwar weil sie selbst die Mission der Kustodie vertreten und diese zweifellos dazu verhilft, deren Arbeit wertzuschätzen. Außerdem muss ich die Tatsache betonen, dass die Projekte positive soziale und kulturelle Effekte hatten, auch wenn ihre tatsächlichen Erfolge sich in wirtschaftlicher Hinsicht äußerten. Es waren also direkte Taten, die den Menschen im Heiligen Land helfen sollten.

– Welche Elemente der Beständigkeit finden sich in den Tätigkeiten von ATS?

TOMMASO SALTINI: Eine der Aktivitäten seit 2006 hat durch die bewusste Entscheidung der Mönche der Kustodie die Arbeit von ATS Schulen im Heiligen Land direkt unterstützt: Kindern und bedürftigen Familien wurde Hilfe geboten, sodass sie die Bildungsnot überwinden konnten und die Realität verbessern konnten. Der Kustos sagte darüber, dass „Schule ein fundamentales Erlebnis aus Dialog und Koexistenz verschiedener Gesellschaftsmitglieder ist, und Bildung notwendig ist, um die christliche Identität zu bewahren.“ Unsere Aktivitäten fokussierten sich deshalb, auf die Bitte des Kustos hin, auf die bedürftigsten, schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Wichtige Projekte wie beispielsweise die Bildungsnotlage, das Magnifikatinstitut für Musik und die Schulen des Heiligen Landes konnten somit unterstützt werden.

– Wollen Sie noch andere Aktivitäten der letzten zehn Jahre nennen, die Sie auch in Zukunft weiterführen werden?

TOMMAS SALTINI: Ein anderer Bereich, in dem wir seit 2006 schnell reagierten, war das Antworten auf Notlagen, und das ist in dieser Region leider oft notwendig. Ich erinnere mich an eins der ersten Projekte, das durch eine Spende finanziert worden ist, und es war ein Projekt für dezentralisierte Entwicklung – dabei wurde es von der Vielzahl italienischer Gemeinden unterstützt – und dabei wurde Menschen in den Dörfern Nordisraels geholfen, als der Krieg mit den Hisbollah 2006 ausbrach. Es war das erste Mal, dass ATS, damals noch frisch gebackene NGO, direkt in die Beschaffungslösungen involviert war, wobei wir mit verschiedenen Institutionen zusammenarbeiteten, um auf die Notlage zu antworten. Seit diesem Moment wurde uns stets besondere Aufmerksamkeit bezüglich Situationen, die aufgrund humanitärer Krisen entstehen, zuteil, weil wir uns niemals in die politische Lage einmischten, sondern die Christen einfach bei ihrer Arbeit unterstützten und immer allen gegenüber offen waren. Das ist das, was in Gaza, in Ägypten und in diesem Jahr auch in Syrien geschah. Im Namen der Kustodie des Heiligen Landes, waren wir unter den Ersten, die konkret handelten. Somit konnten wir regelmäßig intervenieren, um die einheimischen Menschen zu unterstützen, und das nicht zuletzt dank so vieler kleiner Spenden.

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