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2010
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Interview mit der Expertin Carla Benelli

Custode Pizzaballa, Carla Benelli, Osama Hamden Ein noch nicht vom Massentourismus berührter Ort, trotz einer unschätzbaren archäologischen Stätte aus der römischen Ära, des  Grabes von Johannes dem Täufer und atemberaubender Ausblicke: Sebastia, eine vom Herodes dem Großen auf der Lage der alten Samaria zur Ehre Kaisers Augustus gegründete Stadt. Heute entdeckt sie dank der Arbeit von ATS Pro Terra Sancta ihr Kulturerbe wieder. Der Verein ist schon seit vielen Jahren vor Ort tätig und arbeitet für den Erhalt und die Aufwertung des außergewöhnlichen archäologischen und kulturellen Erbes. ATS pro Terra Sancta begleitet die Arbeiten für die Restaurierung der Altstadt und fördert die lokale Gemeinschaft, mit besonderem Augenmerk auf Frauen und Jugendliche. Die Stadt, die über Jahrezenten hinweg von den bedeutendsten Wegen des Tourismus und der Pilgerfahrt ausgeschlossen wurde, bereitet sich nun darauf vor, mit ihrem kürzlich restaurierten und ganz zu entdeckenden historischen Zentrum Touristen und Pilger zu empfangen. In den letzten Monaten hat ATS pro Terra Sancta eine Herberge geöffnet und Ausbildungskurse organisiert, damit die Einwohner Sebastias im Stande seien, als Fremdenführer für die Touristen zu dienen und ihnen Handwerksprodukte anzubieten.

Carla Benelli, Kunsthistorikerin und Koordinatorin des Projeks “Sebastia: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart”, erläutert, wie wichtig sei, das palästinensiche Kulturerbe aurechzuerhalten, und die Interventionen, die unlängst in Sebastia dank der Zuschüsse privater und institutioneller Spender durchgeführt wurden.

Welche Auswirkungen hat der Koflikt auf die Kulturerbe?

Der harte Konflikt, der seit vielen Jahren das gesamte geographische Gebiet kennzeichnet, hat unvermeidliche negativen Effekte auch auf das reiche Kulturerbe der ganzen Region und bedingt entscheidend ihre Bewahrung. Hinzu kommen die Grenzen eines Landes, das sich zum großen Teil noch unter militarische Besatzung befindet und nicht dazu in der Lage ist, seine umfangreiche historischen und künstlerischen Ressourcen richtig zu verwalten.
Gibt es kulturelle und archäologische Ressourcen, die unter direkter palästinischen Kontrolle liegen?

Ja: Ihre territorialische Ausbreitung ist zwar klein, aber doch sehr wichtig. Denken wir nur an Betlehem mit der Geburtskirche, an Jericho mit einer der ältesten menschlichen Siedlungen, an die Fußbodenmosaike der byzanthinischen Kirchen, die Villa des Herodes des Großen, den Umayyadschen Palast mit dem Mosaik des Lebensbaums, Hebron mit dem Wallfahrtsort Abrahams und den Eichen Mambres oder die Altstadt von Nablus. Oder an Sebastia mit seinem immensen Denkmalbestand.
Was wurde in Sebastia getan, um das Kulturerbe zu bewahren?
Die Interventionen neben der Hauptmoschee, die im Mittelalter errichtet wurde, haben bereits mannigfache Kreuzgebäude innerhalb der Altstadt aus der Vernachläßigung und dem Zerfall gerettet. Diese sehr vernachläßigten und strukturell instabilen Bauten wurden entsprechend ihres historischen Wertes restauriert und sind heute Orte der sozialen und kulturellen Veranstaltungen der Gemeinde Sebastias und des palästinensichen Vereins Mosaic Centre. Es entstanden ein Jugendzentrum, eine Herberge und ein Touristenzentrum mit angeschlossenem Verkauf lokaler Produkte. In 2010 haben wir außerdem die Arbeiten für die Rückgewinnung der Altstadt weiter erweitert, immer mittels Einsatz lokaler Arbeitskräfte, um die Herberge auszubauen, und die Bevolkerung, insbesonders Frauen und Jugenliche, ausgebildet, damit sie Handwerksprodukte erstellen und Touristen empfangen können. Im Kurzen werden die Arbeiten für die Restaurierung eines großen Kreuzsaals beginnen, das als Stadtmuseum dienen wird.
Was hat ATS Pro Terra Sancta dazu bewegt, sich um die Stadt Sebastia zu bemühen?
Der Einsatz von ATS Pro Terra Sancta in Sebastia wurde vom Vater Michele Piccirillo, kürzlich verstorbene Archäologe des Studium Biblicum Francescanum, begonnen. Während einer Reihe von Besuchen, bei denen seine wissenschaftliche Untestützung von grosser Bedeutung war, wurden wir und über den Wert der Gebäude und die Dringlichkeit eines Eingriffs für ihren Schutz klar. Vater Michele Piccirillo setzte außerdem viel auf die Einbeziehung der lokalen Bevolkerung, jenseits des Wertes der Restaurierungen.


Welche sind die Probleme bei der Verwaltung und Bewahrung der archäologischen Stätten in Palästina?

Die Palästinensische Autonomiebehörde übt seit 1994 den Schutz der Kulturgüter mittels der Archäologieabteilung des Ministeriums für Tourismus und Antquitäten aus und müsste mit unzureichenden Mitteln und Regeln gravierende Erhaltungs- und Verwaltungsprobleme bewältigen. Der Erhalt des palästinensichen Kulturerbes leidet außerdem unter einem chronischen Mangel an Profis, das alle Anstalten betrifft, die die Kulturgüter verwalten. Hinzu kommt das besonders mangelhafte Bildungsystem: die örtlichen Universitäten sind noch nicht im Stande, Lehrgänge verschiedener Niveaus für den Aufbau der nötigen Kompetenzen zu entwickeln.

Bevorzugt man, auf das “Neue” zu setzen, statt auf das Althergebrachte?
Sagen wir so: Einerseits werden erhebliche Teile des Kulturerbes nicht hervorgehoben und in Verfallzustand gelassen. Andererseits haben die Palästinenser keine Kontrolle über die Gebiete um ihren Siendlungen herum: Da sie sich nicht auf dem Lande entwickeln können, bebauen sie die Altstädte und setzen zum Teil die Kulturerbe unter Gefahr.
Welche Orte befinden sich in besonderem Verfallzustand?
Im 2002 hat die Stadt Nablus, dessen Gründung auf die Zeit der Römer zurückgeht, unschätzbare Schaden und Zerstörungen erlitten. Historische Kultgebäude und Fabriken und unzählige Wohnungen sind in der Altstadt betroffen worden. Betlehems Altstadt ist mehrmals beschädigt worden und ihr repräsentativstes historisches und religiöses Wahrzeichen, die Geburtskirche, zeigt heute noch die Spuren des Konflikts. Auch die Felsenkirche Abbouds ist zerstört worden. Das wirkliche Problem sind aber nicht die Attacken und die Bombardierungen, sondern der Planungsmangel. In Jericho hat man beispielsweise eine Seilschwebebahn neben der Zehntausend Jahre alten Altstadt gebaut. Seit 1967 fehlt es total an Erhaltung- und Schutzinterventionen: Das Kulturerbe der Palästinenser befindet sich seit Jahrezenten im kompletten Zustand der Verwahrlosung.

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